Antigone am Staatsschauspiel Dresden

Gegen das Gesetz – Ziviler Ungehorsam als moralische Pflicht

Kreon, König von Theben erließ ein Gesetz, sprach ein Urteil: Polyneikes hat die Stadt, das Volk verraten und darf, im Krieg von seinem Bruder Eteokles getötet, nicht begraben werden. Das Gesetz gilt für jeden. Selbst Antigone, die Nichte Kreons, Schwester Polyneikes‘, steht unter dem Gesetz. Auch sie darf ihren Bruder nicht begraben. Und tut es dennoch – aus Gehorsam gegenüber den Geboten der Götter und aus Liebe zu ihrem Bruder.

Antigone begeht den Akt des zivilen Ungehorsams – stellt sich gegen das Gesetz, das Volk, den Staat, den König. Sie folgt ihren inneren Gesetzen. Sie ist bereit, die Folgen zu tragen, ihr Schicksal anzunehmen. Es gibt viele, die ihr gleichen; selbst in der heutigen schicksalsvergessenen Zeit: Edward Snowden, Chelsea Mannings, Pfarrer Lothar König, die Menschen des Tahir-Platzes, die Demonstranten vom Gezi-Park…

Deshalb ist es gut, dass Sophokles‘ Antigone am Staatsschauspiel Dresden zu sehen ist und der antike Stoff gekonnt mit aktuellen Diskussionen verknüpft wird.

Auch heute gibt es unmenschliche Gesetze

Denn auch heute regeln Gesetze das gesellschaftliche Leben. Sie werden von der Bundesregierung, von Juristen, Lobbyisten und Beamten geschrieben. Der Bundestag als Vertreter des Volkes stimmt ab und beschließt die Gesetze. Sie gelten für jeden Einzelnen. Wer das Gesetz bricht, über den wird gerichtet, der wird bestraft. Das gilt auch, wenn diese Gesetze unmenschlich sind und in bestimmten Fällen zu Gewissenskonflikten führen.

Antigone am Staatsschauspiel Dresden – die Fakten

Tragödie von Sophokles in einer Bearbeitung von Sebastian Baumgarten nach den Übersetzungen von Ernst Buschor und Friedrich Hölderlin.

Kreon: Thomas Ranft
Antigone: Lea Ruckpaul
Ismene, Haimon, Eurydike: Cathleen Baumann
Wächter, Teiresias: Matthias Reichwald

Chor: Jessica Magdalena Graeber, Franziska Graube, Zarah Hain, Hannah Jaitner, Anna Kienel, Teresa Lippold, Milena Müller, Johanna Quade, Katharina Rudolph, Marita Runck, Nele Schmidt, Martina Schulz, Jana Sperling

Regie: Sebastian Baumgarten
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Kostüme: Christina Schmitt
Musik: Christoph Clöser, Thomas Mahn

Premiere: 21.03.2014
weitere Aufführungen: 26.06.2014, 03.07.2014 und wahrscheinlich auch in der kommenden Spielzeit

Unmenschlich ist beispielsweise der Umgang Europas mit Flüchtlingen. Deutschland sträubt sich, Flüchtlinge aus den Mittelmeer-Staaten aufzunehmen, weil es ein Abkommen in Europa gibt, nachdem Flüchtlinge in dem Land bleiben müssen, in dem sie gestrandet sind. Deutschland könnte ihnen helfen. Wir tun es aber nicht, weil wir uns an die selbstgeschriebenen Gesetze halten. Aber diese Haltung ist unmenschlich und kann aus menschlicher Sicht nicht richtig sein.

Sie ist so falsch wie die maßlose Überwachung durch die Geheimdienste, wie die Ermordung unzähliger Menschen (darunter viele Kinder) durch amerikanische Drohnen, wie die Bombardierung syrischer Städte, wie die Hinrichtung von vergewaltigten Frauen in muslimischen Staaten, wie die Todesstrafe an sich; so falsch wie Kreons Bestattungsverbot gegen Polyneikes.

Antigone in Dresden – Eine Inszenierung voller Brüche und einer Füller guter Einfälle

In der Dresdner Antigone – Inszenierung wird dieser uralte Konflikt in einem rasanten, unglaublich dynamischen und vielseitigen Spiel herausgestellt. Regisseur Sebastian Baumgarten setzt dabei auf die großen Brüche. Schon das Bühnenbild ist eine eingebrochene Gruft, über die sich die Darsteller auf schmalen Brettern bewegen. Dahinter scannt eine riesige Überwachungskamera, die gleichzeitig königlicher Balkon und Stadtmauer ist, das Volk.

Archaische Kostüme aus der Antike visualisieren den Chor der Ältesten und gleichzeitig wird die Flagge der griechischen Neonazis gehisst. Der König wird Diktator, Faschist, soll dabei Vater sein, ein fühlender Mensch. Ein Mensch, der alles Menschliche dem Gesetz unterordnet und dadurch seinen Sohn und seine Frau verliert, der die Familie dem Staat opfert und daran selbst zerbricht.

Eine übergroße Puppe schwebt über die Bühne, ein Helikopter knattert gewaltig heran, riesige Knochen werden sexualisiert, ein gigantischer Thron, überdimensionierte Schwerter und Stifte – die Symbole der Macht sind in groteske Größe gesteigert. Das Gesetz bläht sich auf. Die Menschen werden erniedrigt, minimalisiert. Da helfen auch keine Uniformen und keine Masken. Und keine hehren Worte – weder die Kreons von der Bedeutung des Gesetzes und der Angst vorm Volk, noch die Antigones vom Wissen um den Tod. Beide bleiben klein in ihrer Menschlichkeit.

Antigone ist antikes Theater in brisanter Aktualität

Ein Bruch ist es auch, wenn in den Momenten des Durchatmens ein Video eingespielt wird, in dem der Strafrechtler Stefan Heinemann den König Kreon und sein diktatorisches Verhältnis zum Recht und zum Gesetz analysiert. Wie er von der Gefahr spricht, in der die Demokratie gerade heute wieder ist, wenn die Gesetze zum Selbstzweck erklärt werden, wenn die Sicherheit als Begründung für Rechtsbruch durch den Staat missbraucht wird.

Die Darsteller bringen die Gebrochenheit der Figuren herausragend zur Geltung. Allen voran Torsten Ranft als mal faschistischer, mal psychopathischer, mal väterlicher, mal nekrophiler Kreon und Lea Ruckpaul als mitreißend fatalistische Antigone. Auch Matthias Reichwald überzeugt sowohl als Wächter, den er mit durchaus komödiantischem Talent zu spielen weiß, als auch in der Rolle des Teiresias. Überwältigend ist der Chor, der die Musik von Carl Orff klangvoll und verständlich intoniert, und diesmal (wieder ein Bruch) von 13 Frauen getragen wird.

Die anderthalb Stunden enden mit einer surrealen, ins bürokratische Morden der Moderne verweisenden Performance. Man verlässt das Theater überwältig und ein bisschen überfordert. Die vielen Einfälle Baumgartens, die ständig wechselnden großartig-irrsinnigen Kostüme, die Klänge, Videos, die Musik, die Texte verlangen ein Höchstmaß an Konzentration vom Publikum. Man müsste ein zweites Mal hingehen. Es würde sich in jedem Fall lohnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.