Die Natur der Kinder

Eine Theater-Collage auf der Bürgerbühne Dresden

“Ein optimales Klima wie im Kinderparadies." - Szene aus dem Theaterprojekt: "Die Natur der Kinder"
“Ein optimales Klima wie im Kinderparadies.“ – Szene aus dem Theaterprojekt: „Die Natur der Kinder“
Fotos: (c) René Schlücker

Es ist noch nicht so lange her, dass man Kinder als kleinwüchsige Erwachsene betrachtete. Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts war es normal, dass ein 12-Jähriger genauso hart arbeitete wie ein Erwachsener und im Zweifel ebenso hart behandelt wurde. Erst im letzten Jahrhundert erkannte man, dass Kinder einen besonderen Schutz brauchen. Und dass sie sich besser entwickeln, wenn man sie in einer „kindgerechten“ Umgebung aufwachsen lässt.

Was aber ist „kindgerecht“? Was brauchen Kinder wirklich? Da gehen die Vorstellungen der interessierten Erwachsenen je nach politischem Standpunkt und Weltbild weit auseinander. Dabei ähneln sich die Behauptungen der Erwachsenen am Ende doch erschreckend. Die sehenswerte Theater-Collage der Bürgerbühne Dresden erklärt die Natur der Kinder und was Kinder angeblich so alles brauchen. Die Kinder selbst sind die Hauptdarsteller.

Die paradiesische Natur der Kinder

Da stehen 11 Kinder zwischen 9 und 12 Jahren in einem Garten Eden. Noch sind sie unschuldig, denn der Apfel der Erkenntnis hängt unerreichbar über ihnen. Ein ungestörter paradiesischer Zustand. So könnte es bleiben, aber das Publikum, die Regisseure, die ganzen Erwachsenen erwarten mehr von den Kindern. Und schon tritt eines aus dem Paradies und spricht einen Prolog:

„… Nicht zum Reden oder Handeln seid ihr gekommen, sondern um uns, das Schülervölkchen, zu sehen und zu hören, damit Ihr über uns und unsere Fortschritte urteilen könnt. Wir also sollen euch aufnehmen als unsere Gäste, unsere Zuschauer, unsere Richter. Schon die gute Sitte nötigt uns dazu.“

"...damit Ihr über uns und unsere Fortschritte urteilen könnt" - Szene aus dem Theaterprojekt: "Die Natur der Kinder"
„…damit Ihr über uns und unsere Fortschritte urteilen könnt“ – Szene aus dem Theaterprojekt: „Die Natur der Kinder“
Fotos: (c) René Schlücker

Die gute Sitte haben freilich die Erwachsenen etabliert. Die Kinder werden genötigt, für die Erwachsenen zu sein, zu sprechen, zu handeln. Und so zählen sie auch gleich alle Dinge auf, die Kinder angeblich brauchen – einen Namen, eine Geburtsurkunde, Vitamine, Milch, Spinat und Äpfel, Zuwendung, Langeweile, einen Charakter und ihre eigene Persönlichkeitsentfaltung.

Die Erwachsenen als Gärtner – sie kultivieren die Natur der Kinder

Aber es bleibt wenig Zeit, denn schon müssen die Kinder wieder den an sie gestellten Erwartungen gerecht werden. Sie setzen sich Tiermasken auf und sind wie Tiere. Sie sind auch wie Pflanzen, die unter optimalen Bedingungen prächtig gedeihen:

„Ein optimales Klima wie im Kinderparadies. Wenn ihr zu IKEA geht, zum Baumarkt oder ins Möbelgeschäft, da gebt ihr uns da manchmal ab.“

Es sind Sätze wie diese, die ins Mark der Erwachsenen treffen. Wenn einzelne Kinder heraustreten, sich gesittet auf eine Bank setzen und mit ihren kindlichen Stimmen über den Trubel auf der Bühne hinweg Sätze artikulieren, die allen schon einmal begegnet sind. Sätze, die zu unseren selbstverständlichen Ansichten über Kinder, zu unserem Bild von Kindheit gehören. Und die doch aus dem Mund dieser Kinder kalt, objektiv und seelenlos klingen, dass es einem Schauer über den Rücken jagt.

Die Natur der Kinder - Rollenspiel
Die Natur der Kinder – „Das Rollenspiel hilft uns die soziale Realität, in die wir hineinwachsen, anzueignen.“ – Foto aus dem Theaterprojekt: „Die Natur der Kinder“
Fotos: (c) René Schlücker

So verkleiden sich die Kinder zum Rollenspiel. Sie geben den Tell. Und während der alte Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schießen soll, wird die Szene von einem der Kinder kommentiert:

„Wie andere Spiele wird das Rollenspiel von uns vom frühesten Lebensalter an wie selbstverständlich eingeübt und praktiziert. Das Rollenspiel hilft uns die soziale Realität, in die wir hineinwachsen, anzueignen. […] So ist das Rollenspiel für uns vor allem die Möglichkeit der Imitation sozialer Situationen des Erwachsenenbereichs: sei es die Auseinandersetzung, der Freundschaftsdienst oder das eloquente Gespräch.“

Die Sprache ist sachlich und sezierend. Die Stimme schwingt in leichten, hell-klaren Tönen. Mit solchen Mitteln gelingt es den Regisseuren Meret Kiderlen und Kim Willems die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Erwachsenen und dem Spiel der Kinder darzustellen.

Rollenspiel "Wilhelm Tell" als "Imitation sozialer Situationen des Erwachsenenbereichs"
Rollenspiel „Wilhelm Tell“ als „Imitation sozialer Situationen des Erwachsenenbereichs“
Fotos: (c) René Schlücker

Regeln und Revolutionen

Sehen die einen in allem eine Funktion, einen Nutzen, wollen die anderen spielen, entdecken, sich erproben. Betrachten die Erwachsenen die Kindheit vom Ende her – nämlich den zu entwickelnden gesellschaftstüchtigen Erwachsenen – sehen die Kinder den Anfang, das Neue und Unentdeckte. Blicken die einen mit wissenschaftlichem Blick von oben auf die Kinderwelt hinab, sitzen die Kinder im Dreck und sind glücklich dabei.

Die Erwachsenen meinen es vielleicht gut, laufen aber aufgrund der Persepktive ihrer  Wahrnehmung Gefahr, dieses Glück, diesen kurzen Moment der Kindheit mit ihren eigenen Vorstellungen zu verschütten, zu zerstören.

"Je jünger wir Kinder sind, umso mehr erleben wir Musik körperlich [...] und nicht als musikalisches Muster…" - Szene aus dem Theaterprojekt: "Die Natur der Kinder"
„Je jünger wir Kinder sind, umso mehr erleben wir Musik körperlich […] und nicht als musikalisches Muster…“ – Szene aus dem Theaterprojekt: „Die Natur der Kinder“
Fotos: (c) René Schlücker

Denn das paradiesische Glück darf in der Erwachsenenwelt keinen Bestand haben. Da kommt die musikalische Früherziehung („… Primär lernen wir die Musik elementar-musikalisch und nicht über Begriffe und Regeln kennen. Je jünger wir Kinder sind, umso mehr erleben wir Musik körperlich […] und nicht als musikalisches Muster…“), da werden Regeln aufgestellt („… Doch spätestens wenn die Toberei mit groben Handgreiflichkeiten oder mit Hilfsmitteln wie Stöcken oder Holzschwertern ausgetragen werden, sind Regeln als nützlicher Wegweiser für ein faires Miteinander unverzichtbar…“) und da ist die Schule mit ihrer Forderung nach Leistung und Ordnung („…Mitunter träumt er und muss dann zu konsequenter Arbeit ermahnt werden…“). So wird das Kindliche der Erwachsenenwelt geopfert.

Das Theaterstück

Die Natur der Kinder oder Was Kinder wirklich brauchen

Eine Werkstattaufführung des Clubs der Kindsköpfe – eine Kooperation der Bürgerbühne Dresden mit Theater macht sich eine Platte / VSP.e.V

Leitung: Meret Kiderlen, Kim Willems
Assistenz: Linda Dana Lenk
Bühne: Anne-Alma Quastenberg
Kostüm: Amelie Wohlfahrt
Darsteller: 11 Kinder aus Dresden
Dauer: ca.45 min.

Premiere: 27.04.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Weitere Aufführungen: 14. Mai 2014 um 18:30 Uhr im Jugendhaus Prohlis, Niedersedlitzer Straße 50, 01239 Dresden; am 10.06.2014 im Kleinen Haus, Bühne III und voraussichtlich wieder in der nächsten Spielzeit

Fazit: Klasse Schauspieler und treffende Texte in einer schnellen, stimmigen Inszenierung. Das Bühnenbild als Guckkasten-Paradies überzeugt. Die Kinder haben für jede Szene eigene, passende Kostüme – mal verspielt, mal ernst, mal tierisch, mal barock. Einziger Wermutstropfen: man spürt den Werkstattcharaker, denn das Stück ist viel zu kurz und hätte noch Raum für eine weitere halbe Stunde und noch mehr Akzente gehabt. Alles in allem: Sehenswert.

Aber es gibt in diesem Stück noch eine zweite Ebene: Die kindliche Anarchie, der Trotz, das Aufbegehren. Die Schauspieler stellen das Theaterstück selbst in Frage. Darf man sie ausnutzen, um den Erwachsenen einen Spiegel vorzuhalten? Oder ist nicht schon das Ansinnen der Regisseure fragwürdig?

„Ihr findet es irgendwie komisch, habt ihr gesagt, dass andauernd in unserem Namen über uns gesprochen wird. Dass alle immer meinen zu wissen, was unsere Natur sei. […] Ihr wolltet das auf der Bühne mit uns zeigen. […] Ihr habt auch gesagt, dass der Plan der Erwachsenen nie ganz aufgeht. Dass wir eure Pläne sabotieren und dass das ein revolutionärer Gestus sei. […] Ihr wolltet Momente kreieren, in denen man sich als Zuschauer fragt, was Kind sein überhaupt bedeutet. Ihr habt uns für eure Visionen benutzt und instrumentalisiert und gerade jetzt sprechen wir schon wieder Wörter, die ihr uns in den Mund gelegt habt. […] Wahrscheinlich kommt ihr einfach nicht drumherum uns Dinge vorzuschreiben. Aber wir machen da nicht mehr mit! Wir sabotieren euer Stück.“

"Ihr wolltet Momente kreieren, in denen man sich als Zuschauer fragt, was Kind sein überhaupt bedeutet." - Szene aus dem Theaterprojekt: "Die Natur der Kinder"
„Ihr wolltet Momente kreieren, in denen man sich als Zuschauer fragt, was Kind sein überhaupt bedeutet.“ – Szene aus dem Theaterprojekt: „Die Natur der Kinder“
Fotos: (c) René Schlücker

Die Erwachsenen müssen diese Sabotage zulassen. Sie müssen sich und ihre hehren Worte von den Kindern in Frage stellen lassen. Die Kinder sehen, was den Blicken der Erwachsenen verstellt ist. Das liegt an der Natur der Kinder, an ihrer Perspektive. Und die ist wenigstens genauso richtig, wie die der Erwachsenen.

Die Bürgerbühne

Für alle Bürger, die sich und ihre Welt dramatisch genug finden, um sie auf die Bühne zu bringen gibt es seit der Spielzeit 2010/11 Bürgerbühne mit verschiedenen Theaterclubs und eigenen Inszenierungen. Hier hat sich auch der „Club der Kindsköpfe“ gefunden und das Stück „Die Natur der Kinder“ inszeniert.
Mehr Informationen: staatsschauspiel-dresden.de/buergerbuehne/

Weiterhin sehenswert:

Ein besonderer Tipp:

Vom 17. bis 24. Mai 2014 findet am Staatsschauspiel Dresden das 1. Bürgerbühnenfestival statt.

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