Tiefes Schwarz

Das Dunkel in der Bildgestaltung

Out of the Dark - Eine Fotografie bei wenig Licht, mit dezentem Blitz.
Out of the Dark – Eine Fotografie bei wenig Licht, mit dezentem Blitz. Die Frau entsteigt einem bedrohlichem Dunkel. Woher sie kommt, bleibt verborgen. Ihr trostloser Blick spiegelt das Schwarz – eine beklemmende, geheimnisvolle Atmosphäre entsteht.

Spannung entsteht durch das Verborgene. Eine Geschichte ist langweilig, wenn wir sie schon kennen. Ein Film quält nur, wenn seine Charaktere keine Geheimnisse haben und ein Happy End die Hoffnung auf etwas bleibend Vages und Ungelöstes zerstört.

Was im Tageslicht gut wahrnehmbar ist, mag schön sein, aber spannend ist es selten. Erst wenn etwas im Dunkeln bleibt, wir ein Rätsel wittern, eine Heimlichkeit ahnen, etwas unerklärlich scheint, beginnt die Neugier, die Suche.

Was sich unseren Blicken entzieht, was wir nur erahnen, aber nicht fassen können, was sich in Dunkelheit hüllt, im tiefsten Schwarz verbirgt, enthält die Spannung, die uns gleichermaßen ängstigt und neugierig-lebendig macht.

Schwarz als Spannung und Bedrohung

In der Fotografie und der Malerei ist Schwarz die vollständige Abwesenheit des Lichts. In den schwarzen Bildstellen ist nichts mehr zu erkennen – keine Formen, keine Strukturen, keine Muster. Die Objekte scheinen von der Dunkelheit verschluckt. Und dennoch wissen wir, dass sie da sind, dass sie da sein müssen. Wir erwarten sie, erahnen sie, können sie aber nicht mehr ergründen. Das Ungewisse schafft eine Bedrohung – die unheimliche Spannung, die in den Bildern liegt oder zumindest liegen könnte.

Fenster und Spiegel - Eine Fotografie bei available light.
Fenster und Spiegel – Eine Fotografie bei available light. Das Fensters lenkt den Blick des Betrachters wie die sprichwörtliche Motte zum Licht. Der Betrachter selbst scheint aus dem Dunkel zu kommen. Ein Gefühl der Bedrohung schleicht sich ein – er will sehen und erkennen, wo nichts zu erkennen ist, und strebt deshalb zum Licht.

Die noch gerade eben sichtbaren Elemente gewinnen eine ungeahnte Wucht und Bedeutung. An ihnen versuchen wir uns zu orientieren, das im tiefen Schwarz Versunkene zu ergänzen, zu rekonstruieren. Dabei verlieren wir schnell den Halt, ein wechselhaft, flackerndes Fixieren zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren beginnt – eine schwindelerregende Übung.

Im Tempel - Eine Fotografie. Langzeitbelichtung bei availabel light.
Im Tempel – Eine Fotografie. Langzeitbelichtung bei availabel light. Was im Hintergrund liegt, bleibt verborgen. Das viele Schwarz ist nicht nur ein Kontrast zum hellen Torbogen. Es ist vielmehr das geheimnisvolle Element, mit dem im Bild eine Spannung aufgebaut und der Betrachter im Ungewissen gelassen wird, was er im Bild wirklich erkennen kann.

Norbert Frensch – ein Meister des Unsichtbaren

Im vergangenen Jahr hat mich wohl keine Ausstellung so sehr beeindruckt wie die kleine Auswahl aus den „Schwarzen Bildern“ von Norbert Frensch. Sie wurde im September und Oktober 2013 im Schaukabinett der Galerie Neue Meister in Dresden gezeigt.

Ich stand vor vor den recht kleinen Bildern und sah vor allem glänzende Schwärze, in der ich mich zu allem Überfluss auch noch selbst spiegelte. Einige helle Stellen erheben sich aus dem Dunkel, eine grobe Textur im glatten, endlos scheinenden Schwarz. So spielt Norbert Frensch mit dem Betrachter, lässt ihn in der Schwebe zwischen Erkennen und Verschwinden.

Die Schale - Das Bild wurde von Norbert Frensch inspiriert. Es entstand in Blender 3D 2.69.
Die Schale – Das Bild wurde von Norbert Frensch und seinen großartigen „schwarzen Bildern“ inspiriert. Es entstand in Blender 3D 2.69.

Man braucht Zeit, bis Augen und Hirn in der Lage sind, ein Gefäß, eine Schale aus dem Dunkel herauszuarbeiten. Aber wenn das Auge einmal die Schale erkannt und fixiert hat, ist es unmöglich, sie wieder abzulegen. Sie brennt sich regelrecht in die eigene Wahrnehmung. Und dennoch kann man sich niemals sicher sein, dass die eigene Wahrnehmung richtig ist. Denn was sich hinter dem sichtbaren Teil der Schale verbirgt, was in ihrem Innern ist, bleibt im Vagen, Verborgenen. Es liegt eine kaum zu ertragende Spannung in diesen Bildern. Es bleibt eine Angst, dass man doch nicht alles gesehen hat, dass das Geheimnis der Bilder nicht durchdrungen werden konnte.

Die Technik des tiefen Schwarz

Um das glänzende Schwarz in seinen Bildern zu erzeugen, hat sich Norbert Frensch eine einzigartige, enorm aufwändige Maltechnik erarbeitet. Auf einem gespachtelten, geglätteten weißen Latexgrund trägt er mit roter Acrylfarbe eine Zwischengrundierung auf. Es folgen mehrere Schichten Ölfarbe – Schwarz und Weiß, das Motiv. Nun lässt er ein schwarzes Harz über das Bild laufen bis das Motiv vollständig verborgen ist. Bevor das Harz getrocknet ist, legt er Teile des Motivs mit einem Pinsel wieder frei. Ein Entwicklungsprozess, der an die Dunkelkammer eines Fotolabors erinnert.

In der Fotografie kann man es sich heute leichter Machen. Bildteile verschwinden zu lassen, ist mit einigen Masken und Ebenen in einem Grafikprogramm leicht möglich. Dennoch muss das Motiv schon so fotografiert werden, dass die Abdunklung ohne Abrisse in den Farben möglich ist. Die Dunkelheit sollte während der Aufnahme schon vorhanden sein und in der Software nur verstärkt werden, um ein tiefes Schwarz zu erhalten.

Szenen-Setting, Node-Setup und Rendervorschau in Blender 3D
Dieser Screenshot zeigt das Szenen-Setting mit den Lichtschluckern, welche das Licht nur auf die ausgewählten, sichtbaren Stellen lenken. Zu sehen sind auch eine Render-Vorschau (rechts oben) und das Node-Setting für das Material der Schale. Die verwendete Software ist Blender 3D in der Version 2.69.

Selbstverständlich kann man das tiefe Schwarz auch komplett am Rechner erzeugen. Ich habe mich von Norbert Frenschs Schale inspirieren lassen und ein ähnliches Bild im 3D-Grafik-Programm Blender nachgebaut. Die herausforderung war hier, mittels „Lichtschluckern“ das Licht so zu steuern, dass es nur die wenigen Stellen im Bild erreicht, die eine Zeichnung erhalten sollen. Der Rest hüllt sich in ein tiefes Schwarz.

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