Der Damast-Webstuhl

Teures Tuch aus bedrückender Enge

Mechanik eines Webstuhls
Mechanik eines Webstuhls, fotografiert im Deutschen Damast- und Frottiermuseum Großschönau

In den Stuben war es eng, kaum mehr als 20 m² hatten sie Platz. Die Decke hing niedrig. Im Sommer drang Tageslicht durch die kleinen Fenster. Im Winter und an den Abenden flackerte spärliches Kerzenlicht oder der sparsame Schein der Öllampen. Ein kleiner Tisch stand in einer Zimmerecke, eine Truhe oder ein Schrank in einer anderen; vielleicht gab es einen kleinen Kachelofen; an den Fenstern standen Bänke aus Holz, ein Schemel für die Mutter, die hier Kartoffeln schälte, kochte, den Säugling stillte. Den größten Teil des Raumes nahm der Webstuhl ein. Ein wuchtiges Ding, so groß wie ein Konzertflügel. Er war das Zentrum des Lebens. Er gab den immer gleichen Rhythmus vor. Laut, monoton – 12, 14, manchmal 16 Stunden am Tag.

Ein Leben am Webstuhl

Umgebindehaus in Großschönau
Umgebindehaus in Großschönau – Die Blockhaus-Konstruktion im Erdgeschoss war die Weberstube. Die Stockwerke darüber standen separiert auf dem Umgebinde. Dadurch wurden die Schwingungen des Webstuhls nicht auf das übrige Haus übertragen. Eine nachhaltige, sichere Bauweise, die typisch für die Oberlausitz ist.

Der Vater arbeitete hier. Die Mutter arbeitete hier. Die Kinder arbeiteten hier. Die Familie hockte zusammen. Sie schwiegen meist, oder warfen sich kurze Sätze zu. Der ratternde Lärm des Webstuhls zertrümmerte jedes Gespräch. Sie waren Weber. Sie webten für keine 5 Euro im Jahr. Reich wurden nur ihre Auftraggeber, die Textilbarone und Fabrikanten. Und dennoch war der Webstuhl das Leben für viele Generationen, für einen ganzen Landstrich im oberlausitzer Dreiländereck zwischen Bautzen, Görlitz und Zittau.

Frottier – der Stoff für die Handtücher der Queen

Frottier-Webstuhl - Frottier ist ein Schlingengewebe, das aus dem vorderen Orient über England nach Europa kam.
Frottier-Webstuhl – Frottier ist ein Schlingengewebe, das aus dem vorderen Orient über England nach Europa kam.

Sie webten vor allem Leinen. Aber auch spezielle Tücher wie Frottier und der kostbare Damast wurden hier – hauptsächlich in der Region um Großschönau – gewoben. Frottier ist ein Schlingengewebe, das für Handtücher, Bademäntel und Waschlappen verwendet wird. Ursprünglich wurde es im vorderen Orient hergestellt, kam dann im 19. Jahrhundert nach England, wo es im englischen Königshaus unter Königin Victoria großen Anklang fand. Später wurde die Webtechnik in Europa verbreitet und gelangte 1856 in die Oberlausitz. In Großschönau stand der erste Frottierwebstuhl und die Stadt wurde schnell zum Zentrum dieser Webtechnik in Deutschland.

Frottierwebstuhl in Aktion
Frottierwebstuhl in Aktion

Teurer Damast – vom Webstuhl der Ärmsten in die Festtafeln der Fürsten

Noch kostbarer war Damast. Europäer importierte diese Webtechnik im 17. Jahrhundert aus dem vorderen Orient, aus Damaskus, woher das Tuch seinen Namen hat. Das Besondere war die Möglichkeit, filigrane Muster, und beliebige Motive über die gesamte Webbreite einzuarbeiten. Allein die Erstellung der Webmuster, eine Art Pixel-Zeichnung, dauerte bei komplizierten Motiven mehrere Wochen bis zu einem halben Jahr. Anschließend wurden die Vorlagen auf dem Webstuhl übertragen. Ein Spezialist war dafür notwendig. Er verknüpfte die Nadeln mit der Zugeinrichtung. Jede Nadel entsprach einem Pixel. Hunderte Nadeln waren notwendig, um auf diese Weise eine Webbreite zu „programmieren“. Die Einrichtung des Webstuhls brauchte wiederum Wochen und Monate.

Damast-Webstuhl mit einem typischen Damastmuster und dem Weberschiffchen
Damast-Webstuhl mit einem typischen Damastmuster und dem Weberschiffchen

Erst dann konnte gewebt werden. Ein Weber betätigte den Webstuhl und ein Zweiter musst an der Seite stehen und die Nadeln des sogenannten Harnischs ziehen. In dem Gewirr an Fäden, war es eine komplizierte Aufgabe. Ein einziger Fehler konnte das Muster zerstören, das Tuch wäre unbrauchbar gewesen, die Arbeit von Tagen ruiniert.

Jaquard – ein Weberkind erfindet den Webstuhl neu

Die Zieher waren oft die Kinder der Weberfamilien. Die Arbeit war monoton und erforderte dennoch höchste Konzentration. Man kann sich vorstellen, welche Qual das für Kinder sein musste. Eines dieser Kinder hieß Joseph-Marie Jacquard. Er hasste diese Arbeit und war froh, eine Ausbildung als Buchbinder beginnen zu können. Doch schon mit 20 Jahren, als seine Eltern verstarben, erbte er die Weberei. Er wollte nicht weben, also suchte er nach Wegen, die Musterweberei zu automatisieren. Er erfand den nach ihm benannten mechanischen Jaquard-Webstuhl und das Prinzip der Lochkarte.

Detailaufnahme von den typischen Nadeln eines Damastwebstuhls
Detailaufnahme von den typischen Nadeln eines Damastwebstuhls

Mit dem Jaquard-Webstuhl war es plötzlich möglich, einmal „programmierte“ Muster oder Motive mittels der Lochkarten zu speichern, zu vervielfältigen und auf beliebig vielen mechanischen Webstühlen zu verwenden. Selbst große, komplizierte Muster konnten über hunderte oder tausende Lochkarten, die zu einer Endlosschleife miteinander verbunden und nacheinander abgearbeitet wurden, gewebt werden.

Das Prinzip der Lochkarten war so einfach wie genial: Die Nadeln, oder kleine Drahthaken fielen durch die Löcher der Karten und griffen an diesen Stellen nach den Fäden, hoben sie an und behielten sie an dieser Stelle auf der Oberseite des Tuches. Das Muster baute sich beim Weben zeilenweise auf, ähnlich wie wir es von Tintenstrahldruckern kennen.

Die Stürmung des Webstuhls

War ein Damast-Tischtuch noch im 19. Jahrhundert eine Kostbarkeit für den hohen Adel, wurde die Herstellung durch den mechanischen Jaquard-Webstuhl immer günstiger. Damast, das wertvollste Tuch der Oberlausitzer Weber, wegen dessen Geheimnis sie nicht einmal ihren Ort verlassen durften, verfiel zu einem Massenprodukt für Bürger. Gleichzeitig verloren die Weber in ihren typischen Umgebindestuben ihre Lebensgrundlage.

Maschinenteile an einem Webstuhl
Maschinenteile an einem Webstuhl

Sie waren – Weberaufständen und Maschinenstürmen zum Trotz – gezwungen, sich in Fabriken zu verdingen oder wegzuziehen, um eine andere Tätigkeit auszuüben. Der Webersohn Joseph-Marie Jacquard wurde zum Hassobjekt der Weber, zeitweise verfolgt, angegriffen und mit Prozessen überzogen. Seine Erfindung aber wurde zum Grundprinzip aller späteren Webmaschinen. Heute steuert zwar ein Computer die Nadeln und keine Lochkarte mehr, aber das Grundprinzip blieb erhalten. Und mit ihm der Lärm in den Textilfabriken von denen es nur noch sehr wenige in der Oberlausitz gibt.

Das Deutsche Damast- und Frottiermuseum in Großschönau

In der Nähe von Zittau und des Zittauer Gebirges, direkt an der tschechischen Grenze liegt Großschönau.Hier finden Sie das Museum direkt an der Mandau.


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Außer Montag hat das Museum täglich geöffnet. Während der Öffnungszeiten finden regelmäßig Führungen statt, an denen Sie unbedingt teilnehmen sollten. Sie erleben die alten Webstühle in Aktion und erfahren eine Menge über die Webstuhl – Technik, den Damast, das Frottier und das Leben der Oberlausitzer Weber.

Nähere Informationen finden Sie auf der Webseite des DDFM.

Geschichte des Webstuhls in Großschönau

Dafür kann man die Geschichte der Weber, der Fabrikanten und vor allem der Damast- und Frottierweberei in einem kleinen Museum in Großschönau besichtigen. Fast 30 funktionsfähige Webstühle und Maschinen können erlebt werden. Eine Führung ist daher Pflicht. Sonderausstellungen und andere Objekte aus der Region runden die sehenswerte Ausstellung ab.

 

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